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Das Gießen im Bonsai beginnt mit dem Satz «Gießen, wenn die Erde trocken ist». In der Praxis bedeutet das jedoch: die Erde berühren, die Temperatur spüren, den Wind des Tages wahrnehmen. Anders als bei Zimmerpflanzen begegnet man einem Baum, der draußen lebt, jeden Tag von neuem — das Gießen beginnt genau dort.
Unter den alltäglichen Arbeiten rund um den Bonsai ist das Gießen vielleicht die unscheinbarste. Beim Drahten und bei Entscheidungen über den Formschnitt liegt eine besondere Spannung in der Luft. Das Gießen hingegen klingt nach — etwas, das man einfach jeden Tag wiederholt.
«Gießen, wenn die Erde trocken ist» — dieser Satz wirkt auf den ersten Blick schlicht. Doch wer ihn in die Tat umsetzen will, merkt schnell, dass er es nicht ist. Um zu beurteilen, ob die Erde trocken ist, schaut man hin, berührt sie, denkt an die heutige Temperatur, spürt dem Wind nach. In dieser kurzen Überprüfung steckt bereits eine Entscheidung.
Im Sommer kann dreimal täglich als Richtwert gelten. Doch dreimal zu gießen bedeutet nicht automatisch, dass es genug ist. Kleine Schalen trocknen schnell aus, und ein nach Süden ausgerichteter Balkon eines Hochhauses unterscheidet sich vom schattigen Platz im Garten erheblich. Je nach Pflegeumgebung verändert sich diese Zahl.
«Wie oft» ist ein Ergebnis — kein Ausgangspunkt. Der Ausgangspunkt ist, den Zustand der Schale heute mit den eigenen Augen und Händen zu prüfen. Wer diese Überprüfung Tag für Tag fortsetzt, entwickelt nach und nach seinen eigenen Richtwert. Erst dann gewinnt eine Zahl ihre Bedeutung.
Anders als Zimmerpflanzen gedeiht Bonsai im Freien. Wenn es regnet, ändert sich das Trocknungsverhalten der Erde; starke Sommersonne entzieht ihr das Wasser rasch. Der Baum lebt jeden Tag unmittelbar mit dem Wetter, das dieser Tag bringt. Wenn man zum Gießen geht, ist man Zeuge des Tagesablaufs dieses Baumes.
Vielleicht ist das Gießen weniger ein «Erledigen» als vielmehr ein «Nachschauen gehen». Die Erde in der Schale zu berühren bedeutet, den Zustand des Baumes kennenzulernen. Dieses Anhäufen von Erfahrungen wird zu einem Gespräch mit dem Baum.
Abläufe zu erlernen und den Zustand eines Baumes lesen zu können sind zwei verschiedene Dinge. Zwischen dem Verständnis des Satzes «Gießen, wenn trocken» und der tatsächlichen Fähigkeit, den Trocknungsgrad zu beurteilen, liegt Zeit.
Diese Zeit lässt sich nur durch eines überbrücken: den Bonsai jeden Tag zu berühren. Aus der angesammelten Erfahrung heraus entwickelt sich ein Auge, das urteilen kann. Die Beziehung zum Bonsai beginnt in dieser stillen, beharrlichen Fortsetzung.
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