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Ein Chinesischer Wacholder, der bald an der Großen Bonsai-Ausstellung teilnehmen soll, wird mit Kupferdraht versehen. Mit Blick auf alte Wunden wird der Draht in entgegengesetzter Richtung gewickelt, und über die Abspannpunkte wird die Linie des Astpolsters geformt. Während die Triebspitzen gestutzt werden, kräftigt sich das Laub im inneren Astbereich — das nahe Ziel der Ausstellung und die Wachstumszeit von einem halben Jahr liegen in ein und derselben Arbeit übereinander.
Sobald die Teilnahme an der Großen Bonsai-Ausstellung feststeht, verändert sich die Bedeutung jeder Arbeit. Statt des dicken Drahtes der Stärke 8 wählt man den feineren der Stärke 10 — das ist kein technischer Kompromiss, sondern eine Entscheidung, die aus dem Ausstellungskontext heraus entsteht: Der Kupferdraht soll von vorn kaum zu sehen sein. Wenn man fragt, was für einen Baum, der gezeigt werden soll, das Beste ist, tritt das technische Argument «sicherer zu biegen» einen Schritt zurück.
An einigen Stellen sind noch Abdrücke vom letzten Drahten zu sehen. Diese Stellen prüft man sorgfältig — und wickelt den Kupferdraht diesmal in die entgegengesetzte Richtung. Würde man ihn in gleicher Richtung legen, würden die Wunden tiefer. Die Spuren früherer Arbeit weisen den Weg für die heutige Entscheidung.
Vorsichtig um das Totholz an Stamm und Ast und durch die engen Lücken der Kleinstäste hindurch, wird der Abspannpunkt an der Astbasis gesetzt. An der Astbasis nach unten, an der Astspitze nach oben — je nachdem, wo der Abspannpunkt sitzt, verändert sich die Bewegung des Astes. Allein die Art, wie man den Kupferdraht anlegt, beeinflusst sowohl das Ergebnis als auch die Belastung für den Ast.
Den höchsten und den am weitesten ragenden Punkt legt man zuerst fest. Ist der Referenzpunkt bestimmt, ergibt sich die Linie des gesamten Astpolsters wie von selbst. Den Rückast etwas höher zu platzieren als den vorderen Ast dient der Tiefenwirkung. Auf gleicher Höhe wirkt alles flach. Im Wechsel von Hoch und Tief entsteht Volumen und Tiefe.
Nicht die einzelnen Äste werden geformt — man betrachtet das Ganze als eine Masse. Das Gesamtbild geht dem Detail voraus — aus dieser Sichtweise heraus entsteht jede einzelne Entscheidung. Was über die Kontur hinausragt, wird behutsam entfernt. Denn die Stimmigkeit der Linie bestimmt die Schönheit des Astpolsters.
Die Baumspitze wird gestutzt, die Kontur geordnet. Hält man die Triebspitzen zurück, kräftigen sich die Blätter näher an der Astbasis — der Ort, an dem man eingreift, und der Ort, der danach wächst, liegen in ein und demselben Baum übereinander.
Von jetzt bis in den Herbst werden die Knospen wieder austreiben. Was über die Linie hinauswächst, wird jeweils ausgezupft, die Linie stetig gehalten. Mit dem nahen Ziel der Ausstellung vor Augen vollzieht sich die Verdichtung von Ästen und Laub langsam über ein halbes Jahr.
Es ist keine Eile zur Vollendung. Man befindet sich in der Abschlussphase und wartet zugleich auf die Zeit des Wachstums. Vielleicht gehört auch das Warten zur Arbeit an diesem Baum.
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