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Das Gießen von Bonsai ist eine Zeit, in der man dem Baum Wasser gibt und ihn zugleich untersucht. Den Feuchtigkeitszustand der Erde ablesen, die Blattfarbe prüfen, erste Anzeichen von Schädlingen wahrnehmen – der tägliche Kontakt schützt die Gesundheit von Japanischer Mädchenkiefer und Laubgehölzen. Wann man trocknen lässt, wie man den Brausevorsatz wählt, wie man den Standort gestaltet – all das sind Fragen, denen wir beim Thema Bewässerung auf den Grund gehen.
Der Schlauch in der Hand, auf die Schale gerichtet. Eine Bewegung, die sich nach täglicher Wiederholung wie von selbst vollzieht. Und doch steckt eine Frage darin.
Wie feucht ist die Erde? Hat sich die Blattfarbe seit gestern verändert? Zeigt sich irgendwo Schädlingsbefall? Während man Wasser gibt, «untersucht» man den Baum zugleich – wenn beides zu einer einzigen Handlung wird, bekommt das Gießen eine ganz andere Bedeutung.
In einer einfach wirkenden Arbeit wohnt eine tiefe Beobachtung.
Das Grundprinzip ist schlicht: reichlich gießen, trocknen lassen, wieder reichlich gießen.
Das Schwierige ist nicht die Frage «wie oft». Es geht darum, den Trocknungszustand der Erde zu lesen und daraus die nächste Entscheidung zu treffen. Ist die Erde ständig feucht, reduziert man bewusst die Häufigkeit. Das Trockenlassen der Erde ist ein Teil der Bewässerung.
Bei der Japanischen Mädchenkiefer im Sommer können die Nadeln bei mangelnder Aufmerksamkeit bräunlich verbrennen. Im schlimmsten Fall stirbt der Baum ab. Weil man täglich in Kontakt ist, lässt sich eine solche Veränderung frühzeitig erkennen. Das Gießen ist die einzige – oder zumindest eine der wenigen – Gelegenheiten, den Zustand des Baumes täglich zu überprüfen.
Ein Schlauch mit starkem Wasserdruck spült die Erde zusammen mit dem Wasser fort. Bei der Wahl eines Brausevorsatzes sollte man auf feinen Wasserstrahl achten. Langsam und sanft – eine Arbeit ohne Eile, bei der das Wasser bis zwischen die Wurzeln gelangt.
Auch die Wahl des Standorts ist eine Verlängerung der Bewässerung. Wo man den Baum aufstellt, bestimmt, wie oft gegossen werden muss. Den Standort des Baumes zu kennen ist die Voraussetzung dafür, die richtige Art zu gießen zu finden.
Die Spannung der Blätter, das Trocknungsverhalten der Erde, erste Anzeichen von Schädlingen. Wer den Baum täglich beim Gießen beobachtet, übersieht Veränderungen nicht mehr. Früh entdeckt heißt früh gehandelt. Wenn eine Behandlung nötig ist, kann man sofort eingreifen.
Das Gießen ist ein Geschenk an den Baum und zugleich die Zeit, in der man Botschaften vom Baum empfängt. Man gibt nicht nur – man hört auch zu. Diese Haltung ist das Fundament einer langen Beziehung zum Baum.
Manches wird erst sichtbar, wenn man täglich dabeibleibt.
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